Donnerstag, 1. April 2021

Von treppenliftfahrenden Bankräubern und seltenen Nebenwirkungen

 Liebe Leserinnen und Leser,

dass ich mich oft mit dem Thema Barrierefreiheit befasse, wissen Sie schon.

Narzissen

Immer wieder stelle ich fest, dass, auch wenn "barrierefrei" dran steht, viele Orte es in der Praxis dann doch nicht sind. Über "meine" Schule z. B. hieß es auch immer, dass sie barrierefrei sei (was meistens nur das Vorhandensein eines Fahrstuhls meint). "Und dann kamen Sie.", fügt der Schulleiter heute oft hinzu. Z. B. braucht man einen Schlüssel aus dem Sekretariat, das über Treppen zu erreichen ist, um den Fahrstuhl nutzen zu können. Nicht wirklich praktisch, wenn Eltern einen Rollstuhl nutzen und etwas im Sekretariat zu erledigen haben.

Ähnlich ergeht es mir immer bei der hiesigen Post und der dazugehörigen Bank. Dort handelt es sich nicht um einen Fahrstuhl, sondern einen Treppenlift, der mit einem Schlüssel zu bedienen ist, den man nur über den Treppenaufgang bekommen kann. Hinzu kommt dann noch, dass die Bedienung dieses Treppenlifts so wenig bekannt und auch nicht selbsterklärend ist, dass jedesmal mindestens zwei Mitarbeiter minutenlang damit beschäftigt sind, die Liftplattform, die Auffahrrampe und die klappbaren Bügel so zu koordinieren, dass ein Betreten der Filiale möglich ist. (Erfahrungen im Festgeklemmtsein zwischen den Bügeln habe ich auch schon.)

Sie sehen, Barrierefreiheit hat auch immer was mit Einfachheit zu tun. Also frage ich, ob es nicht besser wäre, einen Treppenlift zu installieren, der einfacher und ohne Schlüssel funktioniert. "Das geht nicht. Wegen der Sicherheit." Da könne ja jemand unbemerkt in die Filiale eindringen. Aber mal ganz ehrlich, liebe Leserinnen und Leser, wie viele Bankräuber sind Ihnen bekannt, die beim Raubzug einen Treppenlift benutzen?

Adressliste mit Corona-Testzentren

Neben der Einfachheit ist es immer wieder das Drandenken, was bei der Barrierefreiheit fehlt. Aktuell werden (meiner Meinung nach viel zu spät) überall Testzentren eingerichtet und es werden die gleichen Fehler gemacht wie schon bei der Einrichtung der Impfzentren. Nirgendwo finden sich Hinweise zur Barrierefreiheit und zum Anfahrtsweg. In einigen Testzentren gibt es nur eine Möglichkeit der Terminvereinbarung. They did it again...

Und zum Schluss noch diese Neuigkeit: Ich bin inzwischen einmal mit AstraZeneca geimpft worden - letzten Endes aus medizinischen Gründen. Beim Empfang wurde ich trotzdem gefragt: "Sind Sie Lehrerin?" (Man sieht mir also schon an, dass ich in einer Schule arbeite ;)) Inzwischen gibt es verschiedene Regelungen, die sich täglich ändern (was nicht gerade zum Vertrauen in die Impfkampagne beiträgt). Aktuell soll der AstraZeneca-Impfstoff nur noch für Menschen über 60 eingesetzt werden aufgrund mehrerer Fälle von Hirnvenenthrombosen, die im Zusammenhang mit der Impfung aufgetreten sind.

Manchmal hilft ein Blick in die Zahlen hinter den Bedenken: von 2,4 Millionen Geimpften ist innerhalb von 14 Tagen nach der Impfung bei 31 Personen eine Sinusthrombose festgestellt worden - das sind 0,0013% aller AstraZeneca-Geimpften oder auch 1,3 Personen von 100.000 geimpften Menschen. Ja, das ist ein Risiko - aber tatsächlich hoch genug, um die Impfungen für Millionen Menschen auszusetzen? 

Beipackzettel
Auf dem Beipackzettel zu einem Medikament sind "sehr seltene Nebenwirkungen" solche, die weniger als 1 von 10.000 Menschen betreffen. Bei den Hirnvenenthrombosen handelt es sich um 10mal weniger Fälle.

Oder auch: Die Häufigkeit, ein Kind mit einem sogenannten "offenen Rücken" (Spina bifida, angeborene Querschnittlähmung) zur Welt zu bringen, liegt bei 1:3000 Geburten. Dieses Risiko liegt also 30mal höher als eine Hirnvenenthrombose nach einer AstraZeneca-Impfung zu bekommen.

Ich werde das Risiko eingehen und eine zweite Impfung mit AstraZeneca machen lassen, weil für mich das Risiko einer schweren Corona-Infektion und einer weiter bestehenden Pandemie schwerer wiegen als das Risiko einer Sinusthrombose.

Ich wünsche Ihnen allen gesunde, fröhliche Feiertage!



Sonntag, 28. Februar 2021

Vom Impf-BER und dem sehr alten Herrn Hitzlsperger

 Impfen, impfen und kein Ende...


Liebe Leserinnen und Leser, nachdem ich endlich erfolgreich 2 Impftermine zum Schutz vor dem Corona-Virus für meine Mutter ergattert habe, versuche ich nun, einen Impftermin für mich selbst zu bekommen. Und das ist wie der BER, nur dass es eben um etwas viel Existenzielleres als das Reisen geht - es geht um Gesundheit.

Hier die Kurzfassung: In der letzten Woche besorgte ich mir ein ärztliches Zeugnis darüber, dass meine Impfung gegen das Corona-Virus eine hohe Priorität hat und ich aufgrund von Vorerkrankungen zur Priorisierungsgruppe 2 der zu Impfenden gehöre.
Zu dieser Zeit war aber auf der sächsischen Website zur Impfregistrierung genau diese Personengruppe noch gar nicht gelistet.
Umso mehr staunte ich, dass an einem Freitag plötzlich "Lehrer, Erzieher und Polizisten" auf der Website als diejenigen Personengruppen benannt wurden, die als nächstes geimpft werden sollen. Also rief ich bei der Hotline an:

"Ich arbeite an einer Schule, bin aber keine Lehrerin, sondern Schulsozialarbeiterin."
"Das macht nichts. Dann registriere ich Sie trotzdem als Lehrerin. Einen Termin können Sie aber erst in ein paar Tagen machen."

Zwei Tage später der Rückruf: die Website sollte noch gar nicht online gehen, die schon bestehenden Registrierungen bleiben aber bestehen.
Also versuche ich seit Tagen, telefonisch einen Impftermin zu bekommen. Keine Chance - siehe Bild oben "zu hohes Telefonaufkommen".

Also versuche ich es über mein ärztliches Attest online, so mein Plan. Der funktioniert aber auch nicht, weil ich ja telefonisch schon über die Tätigkeit an der Schule registriert bin. Und die Automatenstimme in der überlasteten Hotline sagt mir wiederum, ich könnte es ja online versuchen.

Sie verstehen also mein Problem?! 
Zwickmühle


Trotz dieser absolut unbefriedigenden Lage gibt es immer wieder auch Dinge, die Mut machen oder auch irgendwie komisch sind.

Ein solcher Mutmacher ist zum Beispiel die Entwicklung in Sachen Schulbegleitung in Zeiten der Pandemie, die viele engagierte Menschen hier im Landkreis angeschoben haben.

Und irgendwie witzig waren in der letzten Woche zwei Begebenheiten:
  • Im Supermarkt sprach mich eine Kollegin und Schulsozialarbeiterin einer anderen Schule an: "Durch die Maske und die längeren Haare hätte ich dich fast nicht erkannt!" 😉 Gut zu wissen, dass ich von einigen Menschen nicht nur über die 4 Räder definiert werde...
  • Und schließlich die Diskussion mit einer Schülerin über Homophobie im Fußball. "Es gibt ja bisher nur einen - ehemaligen - Fußballer, der sich geoutet hat. Und der ist schon sehr alt." "Wir sprechen über Thomas Hitzlsperger, richtig?!" "Ja, wieso?" "Sehr alt..." Ich hab es gegoogelt: der Mann ist 38 Jahre alt.
Ihnen eine mutmachende, witzige Woche, liebe Leserinnen und Leser!



Samstag, 6. Februar 2021

"Schönen Tag noch, Frau Pohl!"

 Liebe Leserinnen und Leser,


heute gibt es wieder etwas Positives zu berichten. Die Beschilderung am Impfzentrum weist nun tatsächlich den barrierefreien Weg zum Impfzentrum.

"Frau Pohl, wir haben die Beschilderung zum impfzentrum geändert", sprach mich vor ein paar Tagen der Geschäftsführer des hiesigen DRK-Kreisverbandes an.

"Ich hab es gesehen. Sehr gut!"

"Ich hatte Ihnen ja auch geschrieben, weil ich wissen wollte, wie man z. B. mit einer seltenen Erkrankung in eine hoch priorisierte Gruppe der zu Impfenden kommt. Auf der Webseite kommt man ja nur an einen Impftermin, wenn man über 80 ist oder in einem Pflegeheim lebt."

"Ja, das muss noch eingepflegt werden."

"Dann bliebe nur noch eine Frage: Wann haben Sie wieder genügend Impfstoff, damit Sie mich impfen können?" 😄

"Schönen Tag noch, Frau Pohl!"

Taxifahrer im Landkreis Bautzen
Und dann lese ich neulich, dass es doch keine "Impftaxis" im Landkreis geben wird, die es besonders Senioren ermöglichen würden, kostengünstig und unabhängig vom Öffentlichen Personennahverkehr zum Impfzentrum zu gelangen. Die Gemeinden seien jetzt aufgerufen, den "Transport" älterer Menschen zum Impfzentrum über die Feuerwehren zu organisieren, war im selben Artikel zu lesen. Mal ganz abgesehen davon, dass man meiner Meinung nach nur Vieh und Koffer transportieren kann und nicht Menschen - wie soll das bitte gehen? Oder man sollte sich beim Arzt eine Bescheinigung über eine Krankenbeförderung mit dem Taxi besorgen, wenn man einen Schwerbehindertenausweis mit den Merkzeichen "B", "aG" und "H" oder Pflegegrad 3 hat.

Ich kann eine solche Entscheidung in dieser besonderen Zeit nicht verstehen, denn Barrierefreiheit geht anders. Und die Wiederbelebung der Wirtschaft und des öffentlichen Lebens auch.

Aber mehr rege ich mich heute nicht auf.

Schönen Tag noch, liebe Leserinnen und Leser!

Montag, 1. Februar 2021

Das, was fehlt: ansprechen + zuhören + beteiligen


Ich bin langsam wirklich sauer und frustriert, weil ich so viele Menschen kenne, die sich seit Monaten für den Schutz aller Menschen vor Corona einsetzen, Umsetzungsvorschläge machen, auf vergessene Personengruppen hinweisen und nicht gehört werden. Wochen um Wochen und Monate um Monate ziehen ins Land und der Eindruck entsteht, wir lernen aus dieser Pandemie nichts.

Drei Beispiele: 

1. Beteiligung

Barrierefreiheit hat viel mit Beteiligung zu tun. Werden die Menschen, die ich möglicherweise von den Corona-Schutzmaßnahmen ausschließe, beteiligt und gehört? Da bekommen derzeit ältere Menschen Post von der Bundesregierung mit den Berechtigungsscheinen für die FFP2-Masken, die sie sich zweimalig aus der Apotheke holen können. Wir reden hier von der Gruppe der über 80-Jährigen, die auch schon mal öfter in der Mobilität eingeschränkt sein können. Wäre es dann nicht sinnvoller, wenn man diese Masken einfach in den Umschlag reingesteckt hätte?!

Oder das Internetportal zur Impfterminvergabe. Hätte man z. B. die Seniorenvertretungen vorher mal gefragt, wie sie sich eine Terminvergabe vorstellen, hätte diese Personengruppe bestimmt nicht die Onlineregistrierung an erster Stelle genannt. Außerdem ist die Website für Menschen mit Sehbeeinträchtigungen oder auch für gehörlose Menschen oder für Menschen mit Lernschwierigkeiten nicht barrierefrei:

Teilweise Barrierefreiheit der Website zur Impfterminvergabe

Und von der Odyssee, die meist die Töchter oder Söhne der Seniorinnen und Senioren durchlaufen, um nach der Registrierung tatsächlich an einen Impftermin für ihre Verwandten zu gelangen, will ich erst gar nicht sprechen. Ich bin jetzt beim 12. erfolglosen Versuch.

2. Barrierefreiheit

Von der fehlenden Barrierefreiheit und unzureichenden Beschilderung der Impfzentren habe ich schon berichtet. Es ist für mich nicht nachvollziehbar, dass auch im Jahr 12 nach Inkrafttreten der UN-Behindertenrechtskonvention ernsthaft noch der Vorschlag gemacht wird, dass doch Feuerwehrmänner den Impfwilligen im Rollstuhl zum Impfzentrum tragen könnten - so wie hier in diesem Bericht aus Gotha.



„Das ist kein Problem, da helfen uns bei Rollstuhlfahrern kräftige Männer von der Bundeswehr und von der Security. Ich...

Gepostet von Markus Walloschek am Dienstag, 26. Januar 2021

Apropos Impfzentrum: Auch unser Kamenzer Impfzentrum ist nicht so ausgeschildert, dass die Besucherinnen und Besucher problemlos und barrierefrei dort ankommen. Ich hatte dazu das Deutsche Rote Kreuz Bautzen angeschrieben, das das Impfzentrum betreibt. Keine Antwort.

Irgendwann treffe ich vor dem Impfzentrum neben den Bundeswehrsoldaten und Mitarbeitern einer Sicherheitsfirma in ihren typischen Uniformen auch einen Mann im weißen Hemd, der mir aus einem Zeitungsartikel bekannt vorkommt. Schon fast dran vorbei, gehe ich nochmal zurück

"Sind Sie der Geschäftsführer?"
"Ja."
"Freut mich, Sie kennenzulernen. Ich hatte Ihnen eine E-Mail geschrieben wegen der Barrierefreiheit des Impfzentrums."
Schweigen. Dann: "Ich hab Sie hier auch schon mehrmals gesehen."
"Ja?"
"Sie arbeiten im Gymnasium?"
"Stimmt." Also hat er doch meine E-Mail gelesen...

Wir kommen also doch noch über die Beschilderung ins Gespräch, schließlich fragt er:
"Wann haben Sie eigentlich Ihren Impftermin?" Weil dann würde er persönlich und überhaupt...

Hm. Mag ja sein, dass ich bei manchen Fragestellungen alt aussehe, aber so alt, dass man mich für über 80 hält?! Oder denkt er, dass ich in einem Pflegeheim lebe?! 

3. Priorisierte Impfungen

Womit ich bei den priorisierten Gruppen wäre, die zuerst geimpft werden. Auch wenn die Ständige Impfkommission ihre Empfehlungen noch einmal in Richtung der Öffnung bezüglich der seltenen Erkrankungen und Menschen, die im häuslichen Umfeld gepflegt und unterstützt werden, korrigiert hat, ist das noch nicht in den Ländern und Kommunen angekommen, wie dieser Artikel und die aktuelle Website zur Impfberechtigung in Sachsen zeigt:

Screenshot Priorisierungskriterien der Corona-Schutzimpfung

Um wirklich alle Menschen mitzunehmen, bleibt also noch viel zu tun. 

Eigentlich schreibe ich immer einen positiven Schlusssatz, aber diesmal bin ich tatsächlich etwas ratlos. 

Die Menschen zielgerichtet ansprechen, ihnen zuhören und sie beteiligen
- für mich ist es aktuell das, was fehlt. 

Montag, 18. Januar 2021

Von Brenngläsern und Elefanten

Liebe Leserinnen und Leser, "wie unter einem Brennglas werden" während der Coronapandemie "die Benachteiligungen von Menschen mit Behinderung sichtbar und die Erfordernisse, die noch zu einer inklusiven Gesellschaft fehlen". So beginnt eine schriftliche Anfrage zur Schulbegleitung von Kindern mit seelischer, körperlicher, geistiger bzw. Sinnesbeeinträchtigung, die gleich zu Beginn diesen Jahres an den Kreistag des Landkreises Bautzen gestellt wurde und an der ich mitgearbeitet habe. Wie funktioniert Inklusion in Zeiten der Pandemie und was können wir aus der Pandemie für eine inklusive Gesellschaft ableiten? Das sind Fragen, die mich umtreiben, antreiben und die mich aktuell eher frustrieren und wütend machen. 

Beispiel Schulbegleitung - für die Insider: gesetzliche Grundlage ist § 35a SGB VIII - diese wird da mal während der Schulschließung abgelehnt aus 3 Gründen:

  • striktes Kontaktverbot (dann dürfte auch niemand mehr zum Arzt gehen oder dann müssten allen Menschen mit Pflege- oder Assistenzbedarf die Unterstützungspersonen entzogen werden)
  • weil ja die Schulen geschlossen sind (die Schulpflicht und die Beeinträchtigung besteht ja weiterhin) und
  • weil alle Eltern von schulpflichtigen Kindern gleich zu behandeln sind.
Über diesen letzten Grund hab ich mich am meisten geärgert, weil da wohl jemand Gleichbehandlung und Gleichberechtigung verwechselt und weil es in dieser Pandemie keine Gleichbehandlung gibt. Nicht beim Zugang zu FFP2-Masken, nicht beim Zugang zu Schnelltests und auch nicht beim Zugang zu den Impfzentren und den Impfungen gegen das Corona-Virus.

Stichwort Impfzentren: In meinem letzten Post habe ich darüber berichtet, welche Kriterien für  barrierefreies Arbeiten der Impfzentren ausschlaggebend sind. Und wie läuft es in der Realität im Jahr 12 nach Inkrafttreten der UN-Behindertenrechtskonvention tatsächlich ab?

Die Turnhalle an "meiner" Schule sollte als eines von 13 Impfzentren in Sachsen eingerichtet werden. Am Freitag vor der Eröffnung führte das einzige Hinweisschild über diesen Eingang:


Am darauffolgenden Montag sind immerhin zwei Eingangspavillons da, einer an den Stufen und einer an der Stirnseite. Bis zum Pavillon an der Stirnseite führte ein Weg über einen Absatz, der ca. 7 cm hoch ist. Den komme ich nicht selbständig hoch. Weil zu dieser Zeit auch unsere Haustechniker draußen im Einsatz waren und ich zu denen einen guten Draht habe, versprechen sie, eine Rampe anzulegen:


Inzwischen sitze ich in meinem Büro und ein Techniker kommt vorbei. "Ich müsste mal Ihre Maße nehmen." "Bitte?!" "Ich will nur wissen, wie breit Ihr Rollstuhl ist." 😉 Seitdem gibt es diese Rampe. Und - man glaubt es kaum - auf ihr waren gleich am nächsten Tag fremde Reifenspuren. Es scheint also unter den über 80-Jährigen tatsächlich Menschen zu geben, die sich mit oder auf Rädern fortbewegen und die den Rollator lieber schieben als heben. #ironieoff

Auf der Website des DRK, das in Sachsen mit dem Aufbau und dem Betrieb der Impfzentren beauftragt wurde, keine Hinweise zum barrierefreien Zugang, zu barrierefreien Toiletten. Gebärdensprachvideo und Leichte Sprache? Fehlanzeige. (Denn das hier ist keine Leichte Sprache.) Also habe ich das DRK Sachsen auf diesen Mangel hingewiesen. Keine Reaktion.

Auch das DRK Bautzen, das für unseren Landkreis für den Betrieb des Impfzentrums verantwortlich ist, habe ich auf die fehlenden Informationen und Beschilderungen zur Barrierefreiheit hingewiesen. Keine Reaktion.

All das ist frustrierend und zeugt nur davon, dass die Verantwortlichen im Land und Landkreis nicht verstanden haben (oder...), dass Barrierefreiheit und Assistenzdienste die Voraussetzung für Inklusion sind und das Teilhabe sehr viel mit Beteiligung zu tun hat. 

Wer soll hier eigentlich tatsächlich geschützt werden und wer wird einfach vergessen?

Dazu passt noch folgende Anekdote zum Schluss: Mit dieser Postkarte hatte neulich ein älterer Herr, der offensichtlich auch noch eine Menge Humor hat, im Schulsekretariat nach einem Termin für die CoronaSchutzimpfung gefragt. Die Turnhalle nebenan, die als Impfzentrum fungiert, hat ja keine eigene Hausnummer.

Bildbeschreibung: Postkarte mit Zitat von Charlie Chaplin: "Nach manchem Gespräch mit einem Menschen hat man das Verlangen, einen Hund zu streicheln, einem Affen zuzunicken und vor einem Elefanten den Hut zu ziehen." 

Liebe Leserinnen und Leser, wenn man wirklich die Älteren erreichen und niemanden vergessen will, dann braucht es mehr Möglichkeiten der Rückmeldung (z. B. auch über die Postkarten), Taxiunternehmen, um die Menschen zu den Impfzentren zu bringen und eine direkte Ansprache der zu Impfenden z. B. durch schriftliche Benachrichtigungen.
Dann würde ich den Hut ziehen. Nicht nur vor dem Elefanten.


Donnerstag, 17. Dezember 2020

Falsche Richtung oder "Ooops, they did it again."

 

Liebe Leserinnen und Leser,

wenn man sich - so wie ich - mit dem Thema Inklusion beschäftigt, dann landet man oft bei folgenden Fragen:

  • Werden Menschen mit Behinderungen mitgedacht? Können sich Menschen mit Behinderung mit der Außendarstellung identifizieren?
  • Sind die Orte, Informationen und die Umgebung barrierefrei? 
  • Sind Assistenzdienste verfügbar?
  • Werden Menschen mit Behinderung tatsächlich beteiligt (oder nur informiert)?
  • Wird mit Menschen mit Behinderung gesprochen und nicht nur über sie?
  • Haben Menschen mit Behinderung tatsächlich die gleichen Rechte wie Menschen ohne Behinderung?
Probieren Sie es mal aus, wenn Sie eine oder mehrere dieser Fragen zu einem x-beliebigen Thema positiv beantworten können, dann sind die Anbieter auf dem Weg der Inklusion. Andernfalls eben nicht. Dann stimmt die Richtung nicht.

Das wird zum Beispiel immer dann deutlich, wenn ambulante oder selbstorganisierte, selbstbestimmte Angebote nicht die gleiche Anerkennung finden wie Angebote in Einrichtungen. Dann stimmt die Richtung nicht.

Ein Beispiel: der Zugang zu Corona-Antigen-Tests und Schutzmasken steht zwar Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von Pflegediensten und Bewohnerinnen und Bewohnern von Pflegeheimen zur Verfügung (ob das personell immer gestemmt werden kann, ist eine andere Frage), nicht aber Menschen, die ihre Pflege oder Assistenz selbst organisieren (das ist - by the way - die weit überwiegende Mehrheit der Menschen mit Unterstützungsbedarf), auch wenn sie zur Risikogruppe gehören. Nachlesen kann man das auch bei AbilityWatch oder auch in der ÄrzteZeitung. Immer wieder sind das Erfahrungen, die Menschen mit Behinderungen, die im wörtlichen und im übertragenen Sinn mitten im Leben stehen, machen: sie werden nicht mitgedacht. They did it again, so hat es auch Constantin Grosch formuliert:

They did it again. (Jüngere) Pflegebedürftige Menschen und jene wie ich, die zwar zur hochrisikogruppe gehören, aber...

Gepostet von Constantin Grosch am Dienstag, 15. Dezember 2020
Constantin hat sich übrigens auch darüber Gedanken gemacht, wie Impfzentren barrierefrei arbeiten können und die Essenz möchte ich hier gern weitergeben, auch und gerade als Mensch mit Behinderung und nach überstandener Corona-Infektion:

Zwei-Wege-Kommunikation

Die Terminvergabe sollte nicht nur auf einem einzigen Kommunikationsweg möglich sein, sondern mindestens zwei. 

Informationsmaterial barrierefrei zugänglich

Jede*r sollte selbständig, das heißt aufgeklärt und freiwillig einer Impfung gegen das Coronavirus zustimmen. Das setzt voraus, dass Informationsmaterial in Brailleschrift und Leichter Sprache sowie für Menschen, die der deutschen Sprache nicht mächtig sind, angeboten wird. Und selbstverständlich sollte auch ein Gebärdensprachdolmetscher verfügbar sein.

Empathisches Personal

Der Impfstoff wird voraussichtlich erst nach zwei Impfungen wirksam sein. Um die zweite Impfung sicherzustellen, braucht es bereits bei der ersten Impfung einen reizarmen Rückzugsraum und Personal, dass sich Zeit für die Impfung nimmt und auf die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen eingeht.

Barrierefreie Räumlichkeiten

Mobilitätseingeschränkte Menschen sollten sich unbeeinträchtigt in den Impfzentren bewegen können. Zum Beispiel sollte genügend Platz für Rollstuhlfahrer*innen und Assistenzpersonen im Behandlungsraum sein.

Einheitliche Umsetzung

Für die Umsetzung von Barrierefreiheit in den Impfzentren selbst braucht es eine bundesweit einheitliche Strategie sowie kundige, beauftragte Personen vor Ort. Die Umsetzung sollte nicht dem medizinischen Personal, welches die Impfungen verabreicht, überlassen werden.

Das wären Schritte in die richtige Richtung.

Auch im beruflichen Kontext - innerhalb der Schulsozialarbeit - mache ich immer wieder solche Erfahrungen "Falsche Richtung - they did it again." Aktuell beschäftigt mich, dass Schülern mit Beeinträchtigungen die Schulbegleitung gestrichen wird, weil "kein Schulbesuch stattfindet und es der Grundsatz der Gleichbehandlung gegenüber den anderen Eltern nicht anders zulässt."

Also: diese Aussage (des Jugendamtes) ist in mehrfacher Hinsicht falsch, weil die Schulbegleitung die Beeinträchtigung beim Lernen ausgleichen soll und diese besteht auch während der häuslichen Lernzeit weiter. Und weil in der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen nicht von Gleichbehandlung, sondern von Gleichberechtigung die Rede ist. Das sind zwei unterschiedliche Dinge. Und weil eine Gleichbehandlung bei ungleichen Ausgangsbedingungen letzten Endes eine Benachteiligung darstellt.

Dass diese ambulanten, inklusiven Unterstützungsformen meist die sind, die als erstes zur Diskussion gestellt werden, das ist für mich (wieder) ein Schritt in die falsche Richtung. Und zeigt einmal mehr, dass während der Pandemie wie unter einem Brennglas deutlich wird, was bei der Inklusion von Menschen mit Behinderungen fehlt: 



Ich wünsche mir besonders zu diesem Weihnachtsfest, dass wir als Gesellschaft endlich anfangen, in die richtige Richtung zu gehen. 

Sonntag, 25. Oktober 2020

Revolution!

 Liebe Leserinnen und Leser,

zu den Highlights in dieser Woche gehörte für mich der Podcast, den ich zusammen mit den Ergotherapeuten Michael Schiewack und Robert Striesow zum Thema Inklusion aufgenommen habe:

Bisher gab es dazu viel positives Feedback (vielen Dank dafür!) und weil wir den wirklich ohne Proben, Überspielen und Schneiden aufgenommen und ins Netz gestellt haben, will ich hier noch ein paar Links nachschicken - zum Verdeutlichen oder einfach zur weiteren Beschäftigung mit dem Thema:

- Zur Frage der schulischen Inklusion in den einzelnen Bundesländern empfehle ich "Schulische Inklusion in Deutschland 2009-2017. Eine bildungsstatistische Analyse aus Anlass des 10. Jahrestags des Inkrafttretens der UN Behindertenrechtskonvention am 26. März 2019". Dort findet man auf  Seite 8 eine Übersicht, wie gut (oder eben nicht gut) es den einzelnen Bundesländern gelungen ist, die Separationsquoten, also den Anteil der Schülerinnen und Schüler außerhalb des regulären Schulsystems, zu senken. Und da sind 8 Bundesländer besser als Sachsen.

- Zur Verbindung des Nationalsozialismus mit dem System der Sonderpädagogik und dessen fehlender Aufarbeitung schlage ich zum Nachlesen diesen Artikel vor: "Behinderte Aufklärung". Darin findet man unter anderem ein Zitat von Gustav Lesemann, der lange Zeit als Vater der Sonderpädagogik galt: "Solange man sich nicht entschließen kann, zur Zwangsuntersuchung vor der Ehe, zur Sterilisierung tiefstehender Schwachsinniger zu greifen, bleibt die Erziehung so ziemlich der einzige Weg der Fruchtbarkeitsauslese." Die letzte Gustav-Lesemann-(Förder-)Schule wurde 2018 umbenannt.

- Zum Betreuungsrecht und anderen sozialpolitischen Veränderungen, die im Sinne der Inklusion jetzt notwendig sind (oder wären) verweise ich auf eine Broschüre von ambulante dienste e. V., einem Assistenzanbieter in Berlin, der einen hohen Grad an Selbstbestimmung ermöglicht: "Selbstbestimmt leben mit Persönlicher Assistenz". Im Nachwort ab Seite 62 finden Sie dort einen sozialpolitischen Ausblick im Sinne der Inklusion (und ja, die Autorin kenne ich ;)) - z. B. geht es um die Schaffung gesetzlicher Rahmenbedingungen, die Menschen mit Lernschwierigkeiten bei ihren Entscheidungen unterstützt und diese Entscheidungen nicht einfach ersetzt.

- Und weil Micha im Podcast ein paar interessante Kolleginnen und Kollegen der Ergotherapie benannt hat, tue ich das hier auch noch zum Thema Arbeit für Menschen mit Behinderung: Schauen sie ruhig mal bei stattWERKstatt vorbei, das ist eine Initiative junger Menschen mit Lernschwierigkeiten (sogenannten geistigen Behinderungen) und deren Unterstützer, die um einen Platz auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt kämpfen oder gekämpft haben und von ihren Erfahrungen berichten. Eine zweite Empfehlung bezieht sich auf JOBinklusive. Dieses Projekt beschäftigt sich mit den unterschiedlichen Barrieren auf dem Weg zu einem inklusiven Arbeitsmarkt und deckt dabei manchen Etikettenschwindel auf.

Festung Königstein (Quelle: Sachsen Tourismus)

Gestern war ich übrigens in der Sächsischen Schweiz unterwegs und habe dabei einen Abstecher zu einem Pflegeheim gemacht, in dem ich vor meinem ersten Studium gelebt und gearbeitet habe (wenn ich im Podcast erzählt hätte. dass ich meinen 19. Geburtstag im Pflegeheim erlebt habe, hätte ich die ganze Dramaturgie ruiniert 😉). Das Pflegeheim hatte vor 30 Jahren schon 7 Stockwerke und ich war gestern gespannt, was jetzt draus geworden ist. Es heißt jetzt Seniorenzentrum und gehört zu einem privaten Pflegeanbieter mit durchschnittlich 87 Bewohnerinnen und Bewohnern pro Einrichtung. Das sächsische Seniorenzentrum liegt mit Sicherheit über dem Durchschnitt, denn es wird in allen 7 Etagen ausschließlich von alten, pflegebedürftigen Menschen genutzt. (Nicht auszudenken, was passieren würde, wenn es dort einen Corona-Fall gäbe.)

Micha und Robert haben recht - wir brauchen eine Revolution für mehr Inklusion! Naja, eine breite öffentliche Debatte und ein klares Statement würden fürs erste reichen - wie wollen Sie selbst leben, wenn Sie im Alltag auf Unterstützung angewiesen wären? 

Einen schönen Sonntag wünsche ich!

Von treppenliftfahrenden Bankräubern und seltenen Nebenwirkungen

 Liebe Leserinnen und Leser, dass ich mich oft mit dem Thema Barrierefreiheit befasse, wissen Sie schon. Narzissen Immer wieder stelle ich f...