Dienstag, 2. April 2013

Einander sehen statt angesehen werden

Heute twitterte Martin Ladstätter:
Martin Ladstätter ist Gründungsmitglied des ersten österreichischen Zentrums für Selbstbestimmtes Leben (BIZEPS - Zentrum für Selbstbestimmtes Leben), Redakteur von BIZEPS-INFO, Mitglied des Menschenrechtsbeirats der Volksanwaltschaft Österreich und eben auch Twitterer.

Die Medien über schulische Inklusion - das ist wirklich ein unerfreuliches Thema. Erst heute wieder habe ich einen Artikel gelesen, in dem konsequent eine Zielgruppe nicht befragt wird: die behinderten und nicht behinderten Schülerinnen und Schüler.


Ich kann jede Mutter und jeden Vater verstehen, die oder der sein Kind bestmöglich fördern will. Aber ich kann auch die Argumente derer verstehen, die sagen: "Macht endlich Schluss mit den Sondereinrichtungen!" Denn solange es sie gibt, wird es immer leicht sein, behinderte Menschen dort unterzubringen. Und schwer, einen inklusiven Weg zu gehen.


Ein Beispiel: Hubert Hüppe, der Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen, hat selbst einen Sohn, der mit einer Behinderung lebt, die meiner ähnelt. 2001 kam Hüppes Sohn zur Schule und 2010 gab er dieses Interview:

"Wir waren die Ersten, die in unserer Stadt an der Grundschule eine Integrationsklasse mit gemeinsamem Unterricht durchgesetzt haben, und die Ersten, die ein behindertes Kind an der fortführenden Hauptschule hatten." Und auch: "Das Problem in Deutschland ist, dass Menschen mit Behinderungen, solange sie den für sie vorgesehenen Sonderweg gehen, kein Stein in den Weg gelegt wird. Falls sie aber Teilhabe wollen, wird es schwierig."
Meine Eltern waren 1977 die Ersten, die an einer regulären Schule des damaligen Bezirks Dresden ein behindertes Kind eingeschult haben. Und wenn sie heute darüber berichten, dann tun sie es mit den gleichen Vokabeln wie Herr Hüppe 33 Jahre später: "Wir mussten es durchsetzen, drum kämpfen, wir waren die Ersten."

Verstehen Sie, was ich meine?


Wenn die Sondereinrichtungen bestehen bleiben, bleiben auch die Sonderwege bestehen und Teilhabe wird  schwierig bleiben. Drei Jahrzehnte später - das gleiche Vokabular, der gleiche Kampf um Teilhabe, um individuelle Lösungen.


Ich möchte nicht nochmal drei Jahrzehnte Teilhabe durchsetzen müssen, sondern von Anfang an dabei sein. Wenn das in den ersten Lebensjahren gut funktioniert, dann wird es auch in den nachfolgenden Lebensabschnitten leichter sein, ein Miteinander zu leben.


Dann wird das UN-Hochkommissariat für Menschenrechte auch bald zu anderen Empfehlungen bezüglich der Erwerbstätigkeit behinderter Menschen kommen:


"Während die Gründe für die geringe Erwerbsbeteiligung von Menschen mit Behinderungen vielgestaltig sind, liegt es auf der Hand, dass eine der zentralen Herausforderungen die negative Einstellung gegenüber Menschen mit Behinderungen, ihre Stigmatisierung und Stereotypisierung ist, wonach sie als in gewisser Weise "ungeeignet“ für die gleichberechtigte Teilnahme am Arbeitsleben angesehen werden."

Vielleicht liegt darin der Schlüssel: Gemeinsam einander sehen statt angesehen werden. Ohne rosarote Brille, ohne schwarzmalende Angstmacher-Brille, aber mit Mut und dem Sinn für das gemeinsam Mögliche. 

Einander sehen. 
Mit offenen Augen.
Auf Augenhöhe.