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Maßstäbe

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Liebe Leserinnen und Leser,

einige von Ihnen wissen schon, dass ich mit der inflationären Nutzung des Wortes "Inklusion" so meine Schwierigkeiten habe...

Neulich ging es bei einer Veranstaltung um schulische Inklusion. Alles, was vorher "Integration" hieß, wurde nun "Inklusion" genannt. Kein Hinweis auf gesellschaftliche Rahmenbedingungen, kein gesamtgesellschaftlicher Ansatz. Dann ist es eben keine Inklusion, sondern immer noch der medizinische, individuelle Blick auf diejenigen, die vermeintlich ein Problem haben. Irgendwann platzte mir (fast) der Kragen und ich bekam zur Antwort: "Wenn ich so denken würde wie Sie, könnte ich meinen Job kündigen.".

Für mich ist das keine Antwort. Behinderung und Inklusion kann für mich nur in Wechselwirkung mit der Umwelt und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen gedacht werden, sonst ist es keine.

Und zu diesen Rahmenbedingungen gehört auch, wie über den Wert eines Lebens gedacht oder gesprochen wird.

In Zeiten von…

Inklusion und Infektionsrisiko

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Liebe Leserinnen und Leser,
Ottmar Miles-Paul, ein Kollege aus der Behindertenrechtsbewegung, den ich schon lange kenne und schätze, schreibt in seinem Artikel "Wenn Visionen Realität werden" zu den aktuellen Entwicklungen im Zusammenhang mit dem Corona-Virus auf kobinet-nachrichten.org:

"Sie zeigen, wenn es gewollt wird, bzw. notwendig ist, sind Veränderungen möglich, die man zum Teil nicht einmal zu denken gewagt hat."

Bezogen auf die Lebenssituation von Menschen mit Behinderungen hat Ottmar folgende Wünsche und Fragen, die ich hier noch einmal teilen möchte:

"Kann Barrierefreiheit vielleicht wirklich mal zum Standard werden und können bestehende Barrieren gezielt abgebaut werden, weil sich mehr Menschen darüber bewusst werden, was diese für sie bewirken? … Schaffen wir es, dass an ... Aktivitäten auch diejenigen barrierefrei mitwirken können, die behinderungsbedingt oder aus finanziellen Gründen einen solchen Aufwand nicht schaffen? …
Vielleicht bietet diese Kri…

Vom Mut nachzufragen - gute Vorsätze für 2020

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Heute will ich nach langer Zeit wieder zu einem Thema posten, das mir sehr am Herzen liegt.

Immer wieder stelle ich mir die Frage, warum es mit der Inklusion hier in Deutschland so schleppend vorangeht.

Ein Teil der Antwort ist: Weil dafür die Grundlagen fehlen.

Nehmen wir dazu das Beispiel der Schulsozialarbeit:

In § 13 des Achten Sozialgesetzbuchs heißt es: "Jungen Menschen, die zum Ausgleich sozialer Benachteiligungen oder zur Überwindung individueller Beeinträchtigungen in erhöhtem Maße auf Unterstützung angewiesen sind, sollen im Rahmen der Jugendhilfe sozialpädagogische Hilfen angeboten werden, die ihre schulische und berufliche Ausbildung, Eingliederung in die Arbeitswelt und ihre soziale Integration fördern."

Das ist Integration. Ein Mensch hat eine Beeinträchtigung, ihm muss geholfen werden, damit er sich in die Gemeinschaft integrieren kann. Keine Sozialraumorientierung, keine Umweltfaktoren, die geändert werden müssen, kein Angebot für Gemeinschaften. Das ist Inte…

Maßstab Mensch oder "Machen Sie doch den Luther!"

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Was für eine Woche!
Am Montag eine Fortbildung zur Internationalen Klassifikation von Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit - kurz ICF. Wie ermittelt man Unterstützungsbedarf in einem bio-psycho-sozialen Modell von Behinderung? Zeitgemäßer wäre allerdings die Frage: Wie ermittelt man Unterstützungsbedarf in einem menschenrechtlichen Modell von Behinderung?

Am Dienstag dann ein Treffen mit der Agentur für Arbeit. Und das war ernüchternd. Mir ist der Übergang von der Schule in den Arbeitsmarkt wichtig. Dort werden die Weichen für ein inklusives Arbeitsleben gestellt. Oder auch nicht. Da ist der Fall eines gehörlosen jungen Mannes, den habe ich auf Twitter mal so skizziert:

https://twitter.com/teilhabebewegt/status/918801818343309312

 "Med. Gutachten der Arbeitsagentur fordert "Arbeitserprobung" in Einrichtung XY, die wiederum feststellt, dass eine Grundausbildung bei XY das Beste sei - das alles bei zugesagtem betrieblichen Ausbildungsplatz. #findedenfehler"…

Wie inklusiv ist all inclusive?

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Wenn ich Kindern das sperrige Wort Inklusion erklären will, benutze ich manchmal das Beispiel einer Pauschalreise - "all inclusive". Aber jetzt bin ich da um eine Erfahrung reicher.




Zunächst: Pauschalreisen sehen nur in der Werbung einfach zu buchen aus. Es gibt nirgendwo ein Kreuz, dass man machen kann, weil man einen Rollstuhl nutzt (das geht beim Kino übrigens auch nicht) und so ist es nie mit drei Klicks getan, sondern erfordert noch mindestens einen zusätzlichen Anruf beim Hotel wegen des (fast) barrierefreien Zimmers, bei der Fluglinie wegen der Assistenz beim Ein- und Aussteigen und beim Reiseveranstalter wegen des Transfers zum Hotel.

Aber von vorn:

Die eine Pauschalreise war eine ganz spontane über Silvester nach Tunesien und hatte ganz private Gründe und die zweite - nicht mehr ganz so spontane und auch ins nördlichste Land Afrikas - eigentlich auch. Und weil "spontan" und Rollstuhl zwei Dinge sind, die nicht so recht zusammenpassen wollen, hörte ich dann…

Lokführer und Lametta

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Das Thema Lokführer, Triebfahrzeugführer heißen sie ganz korrekt, scheint mich nicht loszulassen.

Vor ein paar Tagen morgens beim Einsteigen in die S-Bahn meine Konversation mit dem Lokführer der Ringbahn (Berlinerinnen und Berliner wissen, das ist die, wo man morgens um 8 mehr Körperkontakt hat als einem lieb ist.):

"Können Sie mir bitte reinhelfen?"
"Nö. Fragen Se die Aufsicht."
"?!" Dieser Fahrer schien die eigenen Serviceregelungen der BVG nicht zu kennen.
"Ist außerdem eh zu voll, sehn Se ja."

Ich wende mich also an die Aufsicht und die Minuten meines Arbeitsweges verstreichen. (Meine Bahn war inzwischen auch weg.) Die Mitarbeiterin setzt nun zu einem Vortrag an, bei dem sie mir erklärt, wann die Aufsicht fürs Rampeanlegen zuständig sei und wann der Triebfahrzeugführer. Inzwischen kommt die nächste Bahn, ich lasse die Aufsicht mit ihrem Vortrag allein und bitte einen Fahrgast, mir per Hand zu helfen.

Am Nachmittag hatte ich dann noch einen …

Wer hat hier was zu sagen? Von rampenlosen Bühnen und beinlosen Lokführern

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Liebe Leserinnen und Leser, es gibt im Moment vieles, über das ich schreiben könnte - 2 Anekdoten habe ich ausgewählt:

1) In dieser Woche war ich zu einer Veranstaltung eingeladen, bei der es um Inklusion und Partizipation und gute Schule ging. Thematisch gut vorbereitet - von Kinderrechten über Partizipationsprojekte bis zu Arbeitsbedingungen für Lehrkräfte.

So weit, so gut.

Veranstaltungsort: der Festsaal in einer großen Einrichtung der Behindertenhilfe am Rande der Stadt.

Gleich beim Ankommen sehe ich eine Rampe aufs Podium - ca. 35% Steigung. Außer mir war auch noch eine Lehrerin eingeladen, die Rollstuhlfahrerin ist. Von ihr erfuhr ich, dass die Rampe erst während der Veranstaltung angebracht wurde, nachdem sie darauf bestand.