Bevor es zu spät ist.

Eigentlich wollte ich heute einen Beitrag zu den Ausnahmeregelungen beim Mindestlohn für Menschen mit Behinderungen schreiben, aber das verschiebe ich jetzt doch auf meinen nächsten Post.

Am Freitag hat sich der ehemalige Intendant des MDR, Dr. Udo Reiter, das Leben genommen. Dr. Udo Reiter saß seit seinem 23. Lebensjahr nach den Folgen eines Unfalls im Rollstuhl. (Nebenbei bemerkt, liebe Welt und lieber Focus, er war zu keinem Zeitpunkt an seinen Rollstuhl gefesselt...)

Erinnern Sie sich noch an die Brandkatastrophe in einer Werkstatt für behinderte Menschen in Baden-Württemberg 2012?

Als Reaktion darauf gab es vermehrte Forderungen nach Brandschutz in solchen Einrichtungen. Ich hatte damals andere Schlussfolgerungen gezogen:
"Bei aller Trauer und allem Gedenken an die Opfer und deren Angehörige ist mir ein Gedanke wichtig: Natürlich ist es nahezu unmöglich, 120 Menschen mit Behinderung gleichzeitig zu retten. 
Für uns sollte die Katastrophe Anlass sein, für mehr Inklusion im Erwerbsleben, auf dem Arbeitsmarkt einzutreten. Denn in einem personell gemischten Team ist es viel leichter, einige Menschen mit körperlichen Einschränkungen oder Lernschwierigkeiten zu evakuieren als 120 auf einmal.
Liebe Leserinnen und Leser, lassen Sie uns nicht nach höheren Brandschutzauflagen für die WfbM als einzige Lösung rufen, sondern erteilen wir der Exklusion eine Absage, jede und jeder in seinem Arbeitsbereich! Auch aus Brandschutzgründen."
Wenn nun in diesen Tagen über den Suizid eines beruflich erfolgreichen Rollstuhlfahrers berichtet wird, dann endet das meistens in einer Debatte über das Für und Wider und Wie von Sterbehilfe.

Ich finde, dieser Suizid sollte (auch) eine Debatte über Pflege und würdiges Altern auslösen.

Darüber,

* warum mehr über das Vorhandensein von Geld und Pflegekräften gesprochen wird als über die Bedürfnisse der Pflegebedürftigen,
* warum sich die (meisten) pflegerischen Tätigkeiten innerhalb der Wohnung abspielen und sich im Wesentlichen um "satt und sauber" drehen
* warum die familiäre Pflege immer noch weniger wert ist als die durch Pflegedienste
* warum es immer noch keine grundlegende Neuausrichtung für den Bau von ausschließlich altersgerechten und wohnortnahen, kleinteiligen (Pflege)Wohnformen gibt
* warum in der Pflegeversicherung Worte und Konzepte wie "Persönliche Unterstützung", "Assistenz", "Teilhabe" oder "Partizipation" gar nicht vorkommen und
* warum 2014 der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte es für zumutbar und menschenwürdig hält, dass eine ältere Frau nachts Inkontinenzvorlagen tragen soll, obwohl gar keine Inkontinenz vorliegt.

Für diese Fragen brauchen wir neue Antworten.

Damit wir alle Lebensjahre mit Leben, Würde und Teilhabe füllen.

Bevor es zu spät ist.






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